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As far as anyone could recall

Es passierte vor ein paar Monaten auf einer Eröffnung. Der Mann war ein Gast unter vielen, aber niemand konnte sich im Nachhinein daran erinnern, ob er sich den bei solchen Gelegenheiten üblichen sozialen Gepflogenheiten fügte. Irgendwann bemerkte jemand, dass er einen abgenutzten Holzzollstock bei sich trug. Er verkroch sich in den Ecken des Raumes, immer an den Wänden entlang, legte ab und zu den Zollstock an und machte sich dann ein paar Notizen in einem kleinen Heft, das er aus seiner Tasche hervorholte. Halb aus Neugier, halb aus Pflichtgefühl, ging der Hausmeister auf ihn zu und fragte, was es mit diesem Verhalten auf sich habe. Die Leute erzählten, der Mann besitze einen alten Grundriss des Gebäudes. Aber niemand kannte oder erkannte ihn. Es war ihnen ein Rätsel, wie er in den Besitz dieses Dokumentes kommen konnte. Angeblich wollte er nur sicherstellen, dass die Maße noch stimmten, da er befürchtete, sie könnten sich mit der Zeit geändert haben. 


Was wäre, wenn ein Raum nichts weiter darstellte, als den Reim, den wir uns auf ihn machen? Mit anderen Worten: Sollten wir möglicherweise noch einmal völlig neu über die Syntax der Architektur nachdenken? Das Fridericianum hat als Ort viele Inkarnationen durchlaufen – Bibliothek, Museum, Kunsthalle, Nachkriegsruine, um nur einige zu nennen –, die alle eine Unzahl von Geschichten bereithalten. Wie einen solchen Ort einschätzen? Um einem Gebäude auf die Spur zu kommen, wäre es geboten, unseren Materialbegriff zu überarbeiten und das Material als etwas an sich Instabiles und Lebendiges aufzufassen. Seine Oberfläche ist ein Zeitmesser, ein Verzeichnis affektiver Kräfte, ein Archiv der Sozialgeschichte. Ein Riss in der Wand lässt sich nicht reproduzieren, wie Eyal Weizman nur halb im Scherz meinte: „Sein Verlauf ist eine einzigartige Verwicklung von materiellen Inkonsistenzen auf der Mikroebene und Kraftwirkungen auf der Makroebene.“ Ein Riss ist Information. 

Und wie steht es um die historisch verbürgten Raumkonzepte? Simonides wird die sogenannte Loci-Methode zugeschrieben, eine Erinnerungstechnik, bei der Gedächtnisinhalte in einem Mnemopalast abgelegt werden. Erinnerungen sind im Raum verwurzelt. Aber sind sie nicht immer auch dialogisch? Nur gemeinsam erinnern wir uns, zusammen mit anderen. Ein Ort, ein Duft, eine Person – Erinnerung ist eine gesellschaftliche Praxis. Selbst wenn wir allein sind, rekonstruieren wir vor unserem inneren Auge Szenen, Geräusche und Formen, die uns umgeben. Wir rekreieren in unserem Kopf ein soziales Milieu, das nicht präsent ist. Diese Erzählungen sind in das Gesellschaftliche eingebettet und entziehen sich doch unserem Zugriff. Eine Geschichte legt Zeugnis ab oder sie dient schlicht der Erbaulichkeit. Sie kann uns allerdings auch umtreiben und verletzen. Geschichten lagern sich zu Geschichte ab – aber nur, weil wir daran auf eine Weise teilhaben, die wir nicht vollständig kontrollieren können.

Die Idee zu  As far as anyone could recall kam auf, als das für die Objekthängung zuständige Team des Fridericianum eine Ausstellung konzipierte, in deren Mittelpunkt die eigene Arbeit stehen sollte. Zu sehen sind Arbeiten von Sebastian Amelung & Miriam Aust, martinafischer13, Peter Freund, Tilman Hatje, Katrin Leitner, Ingmar Mruk, Walter Peter, Eric Pries & Maja Wirkus, Torben Röse, Bernd Schlake, Björn Wolf und Jürgen Zähringer. Angela Jerardi ist Gastkuratorin.

Künstler

  • Sebastian Amelung
  • Miriam Aust
  • martinafischer13
  • Tilman Hatje
  • Katrin Leitner
  • Ingmar Mruk
  • Walter Peter
  • Eric Pries
  • Maja Wirkus
  • Torben Röse
  • Bernd Schlake
  • Björn Wolf
  • Jürgen Zähringer
  • Peter Freund
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