Fridericianum

AMVK

AMVK - Ihre Initialen setzt die flämische Künstlerin Anne-Mie Van Kerckhoven strategisch ein wie den Namen einer globalen Unternehmensmarke. Sie wählt bewusst die distanzierte Anonymität für ihr Schaffen, das in den 40 Jahren seit ihres Entstehens von den kulturellen Erfindungen des Underground maßgeblich gespeist wurde. Graffiti-artige Zeichnungen gehören ebenso zu ihrem Werk wie schrille Musik und exzentrische Performance. Den Wucherungen des technologischen Fortschritts und der künstlichen Intelligenz stellt sie die Zeitlosigkeit menschlicher Empfindungen gegenüber. Ausgangspunkt des Werkes von Anne-Mie Van Kerckhoven ist und bleibt das menschliche Gehirn mit seinen analytischen wie auch irrationalen Möglichkeiten von Wahrnehmung und Erkenntnis. Alles zusammen genommen kulminiert im Kult des Trash, in einem wilden Fest des Mystischen, jenseits der Logik und offen für alle Brüche.

Die aktuelle Ausstellung im Fridericianum Kassel, kuratiert von Anders Kreuger, M HKA Antwerpen, versteht sich als letzte Station einer ihr gewidmeten Präsentationstrilogie, die zuvor im  M HKA Antwerpen sowie im Kunstverein Hannover und im Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen war.

Geboren 1951 in Antwerpen, wo sie bis heute lebt und arbeitet, ist Anne-Min Van Kerckhovens Werk immer konsequent interdisziplinär ausgerichtet. 1981 gründete sie mit ihrem Partner in Antwerpen die Noise-Band Club Moral, die bis 1991 existierte. 2001 ließen die beiden die Band wieder aufleben. Seit 1982 existiert das von beiden herausgegebene Magazin Force Mental. In den frühen 1980er Jahren begann eine intensive Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Luc Steels und dessen Institute for Artificial Intelligence (Brüssel, heute Paris). Dadurch wurden zunehmend Bildsprachen bestimmend, die durch wissenschaftliche Bildverfahren geprägt sind: Diagramm, zeichnerische Animation, Text-Bild-Schema. Solche und andere Kollaborationen waren immer typisch für die Arbeitsweise der Künstlerin. Allem zu Grunde liegt ein klares, ja gnadenloses Bekenntnis zum sozialkritischen Anspruch ihrer Arbeit, hier „outet“ sie sich das Kind der 68er.

Die Künstlerin selbst erklärt ihre Arbeit in einem Manifest: “Im Gegensatz zu der Willkür, in der der Ursprung der geschriebenen wie gesprochenen Sprache liegt, habe ich das Unausgesprochene, das Mystische zu Wort kommen lassen. Von der Verzweiflung bis zur Ekstase - so weit reicht das Feld des Mystischen. Das ist die alles verschlingende Lust am Leben und der Liebe. Vereinigung, nicht Loslösung vom Rest der Welt. Kein Ego, keine Grenzen. Das Geschaffene wird eins mit dem Schöpfer.“ Und weiter: „Ich nenne es das Analoge. (…) Das Analoge ist ein Ritual, ein Mysterium, eine Sehnsucht, ein Verlangen, eine Lust - während das Digitale Kontrolle, Technologie, Sublimation, Abhängigkeit, Reduktion, Transparenz bedeutet. Das Analoge und das Digitale zusammen machen das aus, was den Menschen ausmacht: Die Perspektive.“ (Anne-Mie Van Kerckhoven, Some Sort of Manifesto, 2016–17)

Am Anfang dieser Arbeit stand vor allem die schnelle, wie hingeworfen wirkende Zeichnung - die in Antwerpen lebende Künstlerin studierte in den 1970er Jahren Grafikdesign. Mit zackigem Gekrakel skizziert sie ihre Umgebung und verzerrt sie spielerisch-humorvoll ins Groteske. Später kommen großformatige Gemälde dazu, nicht selten in poppiger Reduktion auf Farben und Formen, aber auch in der Kombination verschiedener Materialien und Bildebenen. Dabei steht oft der weibliche Körper im Mittelpunkt, nicht selten geht es um Formen exzessiver Selbst-Beobachtung der erklärten Feministin. In ihren Videos und Installationen verwendet sie häufig ihre Zeichnungen, aber auch Bilder von Pinup-Girls, verfremdet Farben und collagiert. Andere Filme kombinieren verschiedene Blicke auf ein Geschehen. Ein ausgeklügeltes Verhältnis von Text und Bild zieht durch die gesamte Arbeit, analoge und digitale Bildwelten werden ineinander montiert. Alle bekannten Formate technologischer Ästhetik -  Plexiglas, Computer, Drucke - finden darin Verwendung. Und werden zugleich mit der schnellen subjektiv-spontanen Geste des Übermalens und -zeichnens mit visueller Power aufgeladen.

Anne-Mie Van Kerckhoven‘s Werk besteht aus einem großen Konvolut von Arbeiten, von Zeichnungen, Gemälden und (Video-) Installationen. Bis heute spielt AMVK in der kreativen Szene Antwerpens eine maßgebliche Rolle, die inzwischen auch international neu bewertet wird. Die aktuelle Ausstellung in Kassel schließt nun eine Ausstellungstournee, die AMVK durch mehrere deutsche und belgische Kunstinstitutionen führte ab, jede Präsentation entfaltete und entfaltet ihr visuelles Eigenleben. Der mit ihrem Werk bestens vertraute Kurator Anders Kreuger, Senior Curator am Antwerpen M HKA, hat die Ausstellung im Fridericianum als den Schlussakkord einer Art Trilogie konzipiert: „Während ihre Ausstellungen in Hannover und Mönchengladbach eine Art These formulierten, anhand derer die Künstlerin ihre intellektuelle Biografie nachvollziehbar macht, folgte die spätere Station in Antwerpen ganz dem visuellen Flow. In Kassel kommt nun als Abschluss, als eine Art Synthese dieser hegelianisch gedachten Dialektik, eine räumliche Erzählung hinzu, die beide Aspekte vermittelt und zusammenführt.“